Gezeiten des Herzens - Kapitel 2: Im Watt

KAPITEL 2: IM WATT

Der Wecker klingelte um fünf Uhr dreißig. Lena hatte kaum geschlafen. Zu viele Gedanken, zu viele Erinnerungen. Sie stand auf, zog sich warm an – alte Sachen, die noch in ihrem Kinderzimmerschrank hingen – und machte sich auf den Weg zum Treffpunkt. Der Morgen war klar und kalt.

Der Himmel färbte sich langsam rosa und orange, während die Sonne sich ankündigte. Am Horizont verschwamm das Meer mit dem Himmel zu einer endlosen blauen Fläche. Finn wartete bereits am Deich. Er trug Wathosen und hatte zwei Paar bereitgelegt. Für dich, sagte er und reichte ihr eins.

Deine alten passen wahrscheinlich nicht mehr. Sie zog die Gummihosen über ihre Jeans und folgte ihm die Treppe hinunter zum Strand.

Das Wasser hatte sich weit zurückgezogen, hinterließ ein schier endloses Meer aus Schlick und Sand, durchzogen von Prielen – den kleinen Wasserläufen, die auch bei Ebbe blieben. Die Regeln kennst du noch?, fragte Finn. Niemals allein ins Watt. Immer auf die Gezeiten achten.

Den Prielen folgen, nicht queren. Gut. Manche Dinge vergisst man nicht. Sie gingen schweigend nebeneinander her. Ihre Schritte hinterließen Spuren im feuchten Sand, die sich sofort wieder mit Wasser füllten. Möwen kreischten über ihnen. Die Luft roch nach Salz und Tang.

Ich habe dich nie vergessen, sagte Finn plötzlich. Lena blieb stehen. Finn... Lass mich ausreden. Er sah aufs Meer hinaus. Als du gingst, war ich wütend. Verletzt. Ich dachte, du kommst zurück. Nach dem Studium vielleicht, oder in den Ferien. Aber du kamst nie. Du hast auch nie geschrieben.

Weil ich zu stolz war. Zu verletzt. Und dann, nach ein paar Jahren, erschien es mir lächerlich. Du hattest dein Leben, ich hatte meins. Unterschiedliche Welten. Aber? Aber als meine Mutter mir sagte, dass du zurück bist... Er drehte sich zu ihr um.

Da wurde mir klar, dass ich dich nie aus meinem Kopf bekommen habe. Zwölf Jahre, Lena. Zwölf verdammte Jahre, und immer noch... Er brach ab, schüttelte den Kopf. Immer noch was?, flüsterte sie. Immer noch bist du die Frau, an die ich denke, wenn ich nachts allein auf dem Boot bin.

Wenn ich einen besonders schönen Sonnenuntergang sehe. Wenn ich durch das Dorf gehe und etwas sehe, das dich zum Lachen gebracht hätte. Lenas Herz hämmerte. Ich war nicht glücklich, Finn. In Hamburg. Das sagt dir das etwas? Warst du verheiratet? Fast. Verlobt.

Vor einem Monat ist es auseinandergegangen. Er war ein Idiot. Trotz allem musste sie lachen. Du kennst ihn nicht. Jeder Mann, der dich gehen lässt, ist ein Idiot. Sie gingen weiter. Der Wind wurde stärker, zerrte an ihren Haaren.

Finn führte sie zu einem besonders schönen Abschnitt, wo sich Muscheln und kleine Krebse im Sand zeigten. Schau, sagte er und bückte sich. In seiner Hand lag eine perfekte Herzmuschel, ungefähr so groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Dein Glückszeichen. Erinnerst du dich? Natürlich erinnerte sie sich.

Als Teenager hatten sie Stunden damit verbracht, nach Herzmuscheln zu suchen. Sie hatte behauptet, sie brächten Glück. Behalt sie, sagte Finn und legte die Muschel in ihre Hand. Ihre Finger berührten sich kurz, und Lena spürte einen elektrischen Schlag durch ihren Körper laufen.

Finns Augen wurden dunkel. Lena, ich... Ihr Handy klingelte. Der Moment war zerstört. Sie zog es aus der Tasche. Alexander. Ich muss rangehen, sagte sie entschuldigend. Finns Gesicht verschloss sich. Natürlich. Lena! Endlich!, Alexanders Stimme klang aufgeregt. Ich bin auf dem Weg nach Büsum.

Großes Projekt. Du musst dabei sein! Alexander, ich habe dir gesagt, dass ich Zeit brauche... Es geht um deine Karriere! Hör zu: Büsum soll modernisiert werden. Ein großes Resort, Marina, Luxusappartements. Ich bin der Lead-Investor. Die PR dafür braucht jemanden, der die Gegend kennt.

Jemanden wie dich! Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Ein Resort? In Büsum? Premium-Tourismus! Das wird die Gegend völlig transformieren. Und du kannst Teil davon sein! Sie sah zu Finn hinüber, der ein Stück entfernt stand und so tat, als würde er nicht zuhören.

Aber sie sah an seinen verkrampften Schultern, dass er jedes Wort hörte. Ich muss nachdenken, sagte sie. Worüber? Das ist die Chance deines Lebens! Ich bin morgen da. Wir treffen uns im Hotel am Hafen. Sag ja, Lena. Sag, dass du dabei bist! Sie beendete das Gespräch, ohne zu antworten.

Dein Ex?, fragte Finn mit belegter Stimme. Ja. Klingt, als hätte er große Pläne. Finn... Ein Resort. Seine Stimme wurde härter. Luxusappartements. Marina. Ich kann es mir vorstellen. Schicke Yachten statt Krabbenkutter. Champagner statt Fischbrötchen.

Genau das, was Leute wie er für Fortschritt halten. Das ist nicht fair! Nicht fair? Er lachte bitter. Weißt du, was nicht fair ist? Dass Leute wie er kommen und glauben, sie können Orte wie Büsum in ihre Spielwiese verwandeln!

Dass sie Fischer wie meinen Vater, der sein ganzes Leben hier gearbeitet hat, für rückständig halten! Ich habe nie gesagt, dass ich dabei bin! Aber du überlegst es, oder? Seine Augen durchbohrten sie. Ich höre es in deiner Stimme. Die große Karrierechance. Zurück in deine Welt.

Du kennst meine Welt nicht! Stimmt. Und du kennst meine auch nicht mehr. Nicht wirklich. Er drehte sich zum Gehen. Die Flut kommt in einer Stunde. Du solltest zurück zum Deich. Finn, warte!

Aber er ging schon, große Schritte durch den Sand, zurück zur Zivilisation, zurück zu seinem Leben, das sie vor zwölf Jahren verlassen hatte und das nun bedroht wurde – von ihrem Ex-Verlobten, von Investoren, von einer Zukunft, die Lena selbst vielleicht mitgestalten würde.

Sie stand allein im Watt, die Herzmuschel fest in ihrer Hand. Um sie herum begann das Wasser langsam zurückzukehren, füllte die Priele, kroch über den Sand. Die Gezeiten warteten nicht, hatte Finn gesagt. Aber worauf wartete sie?

Sie sah zur Küste, zum kleinen Büsum mit seinen bunten Häusern, dem alten Hafen, den Krabbenkuttern, die im Morgenlicht schaukelten. Dann zog sie ihr Handy hervor und sah auf Alexanders Nachricht. Zwei Welten. Zwei Männer. Zwei Versionen ihrer Zukunft. Die Flut kam näher.

Es war Zeit, eine Entscheidung zu treffen – aber nicht heute. Heute musste sie nur zurück zum Deich, bevor das Wasser sie einholte. Langsam machte sie sich auf den Rückweg, die Herzmuschel tief in ihrer Tasche vergraben.

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